Sinnvolle Zufälle

und meine Rot(h)kehlchen-Synchronizität

Die Wissenschaft spricht heute nur im abwertenden Sinn vom Zufall. Sinnvolle Zufälle gibt es für sie nicht, da sie die Sinnfrage ausser Acht lässt. Doch schon das Wort „Zu-fall“ zeigt, dass einem etwas zu-fällt, das vielleicht einen Sinn beinhaltet. Es stellt sich daher die Frage, wie man diesen eventuellen Sinn ergründen könnte.

C.G. Jung hat entdeckt, dass folgendes Muster äusserst beachtenswert ist: Nach einem Traum, vielleicht Stunden, Tage, Wochen oder sogar Monate danach, ereignet sich in der Aussenwelt ein Phänomen, das dem Geschehen im Traum entspricht. Er hat solche Doppelereignisse Synchronizitäten genannt. Die Erfahrung zeigt, dass es sich lohnt den verborgenen Sinn dieser Synchronizitäten zu ergründen, da sie einerseits über die zukünftige Richtung des eigenen Lebens Auskunft geben und andererseits die Kreativität fördern.

Am besten gebe ich ein Beispiel aus meinem Leben, eine Synchronizität, die mich tief beeinflusst hat, da sie mich meine Kreativität entdecken liess. Sie besteht aus zwei äusseren Ereignissen, doch bilden auch diese für mich, da ich mich im ersten Ereignis in Halbtrance befand, eine sinngeladene Synchronizität:

Als ich am Zürcher C.G. Jung Institut in der Ausbildung war, hörte ich auch, dass C.G. Jung sich in Bollingen am oberen Zürichsee einen Turm gebaut hatte (siehe die Abbildung unten):

Im Turm hatte Jung, wie er in seinen Erinnerungen beschreibt, den Grossteil seines Hauptwerkes Mysterium Coniunctionis geschrieben. In der Abbildung unten ist der Tisch abgebildet, an dem er meist geschrieben hatte:

Tisch im mittleren Turm, an dem Jung Mysterium Coniunctionis geschrieben hatte

Ich hatte den Turm mehrere Male erfolglos gesucht. Doch dann machte ich mich im Jahr 1981, am 9. November, mit meiner damaligen Freundin Gertrud L. noch einmal auf den Weg um ihn zu suchen. Es war Winter und die Bäume hatten kein Laub. Daher war der Turm viel besser zu sehen, und wir fanden ihn.

In tiefer Versunkenheit, im Zustand der Halbtrance der in meiner später entwickelten Methode der Körperzentrierten Imagination oder Symptom-Symbol-Transformation so entscheidend werden sollte, standen wir auf der Westseite des Turms und schauten in den Vorhof, in dem sich der Stein befindet, der C.G. Jung so viel bedeutet hatte (im Bild unten hinter dem Baum hinter dem Stein). Es ist der Stein, den Jung dem Telesphoros, dem Begleiter des Asklepios gewidmet hatte. Asklepios gilt als der Urahn aller Ärzte, und Telesphoros, sein Sohn, symbolisierte die Heilung von Krankheit! Der Stein war daher für mich von tiefster Bedeutung, verbindet er mich doch mit dem Schamanen und Heiler.

Da kam plötzlich ein Rotkehlchen geflogen. Es setzte sich ganz nahe von uns auf den Ast eines Baumes. Er zwitscherte und zwitscherte und zwitscherte ohne Unterlass, als wolle es uns dringend etwas sagen. Diesen Eindruck hatte auch meine Freundin, und in einem Brief vom 27. Oktober 2011 bestätigte sie mir dies schriftlich.

Natürlich fiel mir sofort die Ähnlichkeit des Namens des Vogels, Rotkehlchen, mit meinem Namen auf. Zudem wusste ich schon damals, dass im Tantrismus an der Kehle das Chakra vishuddha sitzt. Es symbolisiert unter anderem die Sprache, die Macht des Wortes. Mir dämmerte langsam, dass Mutter Natur das Rotkehlchen gesandt hatte, um mir die Botschaft zu übermitteln, dass ich schreiben müsse. Und zwar über den Inhalt des Steines, über das healing. Da ich in einem Haus aufgewachsen war, in dem es lange Zeit nur ein Buch, das Alte und Neue Testament in einem Band zusammengebunden gab, war ich weit entfernt von der Einsicht, dass ich einmal werde schreiben müssen.

Mich beschäftigte dieses Erlebnis das ganze Jahr 1982 hindurch und ich fragte mich, was ich denn noch Neues schreiben könne, da mir schien, dass C.G. Jung alles gesagt hatte, was es zu sagen gibt. Diese Unschlüssigkeit wurde durch eine geradezu unglaubliche Synchronizität beendet.

Ein gutes Jahr nach unserem Besuch bei Jungs Turm, am 7. Januar 1983, wurde mir von der Vogelwarte Sempach der Vogelkalender zugesandt. Ich hatte damals einen Beratungsauftrag für die Vogelwarte und bestellte daher diesen Kalender. Es war das einzige Mal, dass ich einen solchen kaufte.

Als ich das Paket öffnete, staunte ich gewaltig. Auf dem Deckblatt war ein Rotkehlchen abgebildet – es hatte sich also wieder gemeldet.

Doch noch nicht genug der Zeichen und Wunder: Das Rotkehlchen war von einem R. Roth fotografiert worden. [Ich führte damals meinen Mittelnamen F. noch nicht. Erst die peinliche Verwechslung mit dem Zürcher Maler Remo Roth, als ich von einer Jury der Stadt Zürich eingeladen wurde, meinen Stein Sulamith, nigra sum sed formosa (Sulamith, Schwarz bin ich, aber schön; AT, Das Hohelied, 1;5; vgl. Abbildung) auszustellen, veranlasste mich, meinen Mittelnamen zu verwenden.]

Nun waren also der R. Roth und das Rotkehlchen ganz zusammen gekommen. Später, am 13. April 1983, las ich dann im Buch Schamanismus und archaische Ekstasetechnik von Mircea Eliade, S. 92, dass der Vogel, der sich in Griffweite niedersetzt, ein Zeichen dafür ist, dass die betreffende Person Schamane werden muss.

Diese Synchronizität brachte mich zur Überzeugung, dass ich das Werk C.G. Jungs fortsetzen und in die Richtung eines modernen Schamanismus erweitern muss. Das Resultat dieser Arbeit sind neben meinem Berufswechsel vom Psychoanalytiker zum Heiler bis heute zwei publizierte Bücher ein drittes das im September 2011 publiziert wurde (Return of the World Soul, Part I), und dessen zweiter Teil, das 2012 erscheinen wird (Return of the World Soul, Part II, Pari Publishing, Pari, Italia, 2012). Daneben existieren noch einige weitere, bisher unpublizierte Manuskripte, die der Veröffentlichkeit harren. Sie alle beschäftigen sich mit einer modernen Form des Healing und dessen Hintergrund. Dieser Hintergrund ist der unus mundus (Dorneus/Jung) oder die psychophysischen Realität (Wolfgang Pauli) hinter der künstlichen Spaltung in aussen und innen, in Physik/Naturwissenschaft und Tiefenpsychologie. Meine Forschungsresultate bilden in diesem Sinn eine Erfüllung der Forderung Wolfgang Paulis und C.G. Jungs nach der Erforschung dieser Welt, die diese so unheilvolle Spaltung überwindet. Wie ich in Return of the World Soul gezeigt habe, ist dazu eine Rückkehr zur hermetischen Alchemie unter Einbezug der Resultate der modernen Physik und der Tiefenpsychologie C.G. Jungs notwendig, die Wolfgang Pauli in die folgenden Worte gekleidet hat: „Das noch Ältere ist immer das Neue“.

[August 2011; update Mai 2012]

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