Traumdeutung nach C.G. Jung

Voraussetzungen für eine Traumdeutung im Sinne C.G. Jungs sind dessen Erkenntnisse der kompensatorischen Funktion der Träume und des Phänomens des „vorbewussten Wissens“ des kollektiven Unbewussten.

Wenn sich eine Patientin oder ein Patient in einer akuten Problematik befindet, kann man aus therapeutischer Sicht regelmässig beobachten, dass deren Bewusstsein sich mit ein paar Dutzend Problemen und Scheinproblemen herumschlägt: es rotiert im Gedankenkarussell! Zugleich spitzt sich die ganze Lebenslage derart zu, dass es vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Es identifiziert sich mit dem rationalen Intellekt und ist daher nicht mehr in der Lage, über das Gefühl, die Wertfunktion im Sinne C. G. Jungs zu werten, welches denn eigentlich sein Hauptproblem darstellt. Es herrscht somit eine völlige Unbewusstheit über das eigentliche Problem. Die Betroffenen sitzen sozusagen in einem black hole, in einem Schwarzen Loch, aus dem kein Licht mehr entkommen kann.

Die Erkenntnis C.G. Jungs über die kompensatorische Funktion des Traumes ermöglicht uns nun einerseits, das wahre Problem der Klientinnen und Klienten aus dem Unbewussten herauszufischen, andererseits aber auch, die vom (wissenden!) Unbewussten gewünschte Wandlung des Bewusstseins und die nötige Änderung der Lebensumstände auf objektive Art und Weise, das heisst, von den subjektiven Vorurteilen und Wertvorstellungen des Analytikers unabhängig zu erkennen. Die Erforschung der Problematik der Träumerin und die Suche nach einer Lösung geschieht derart weitgehend aus deren Unbewusstem heraus. Zugleich beschränkt sich der Analytiker in weiser Demut auf die Rolle eines Vermittlers des im Unbewussten das Klienten vorhandenen Wissens um die Lösung seiner Problematik.

Die empirisch tausendfach abgesicherte Hypothese der kompensatorischen Funktion der Träume setzt ihrerseits voraus, dass das Unbewusste unabhängig vom Bewusstsein des Klienten und des Analytikers eine Erkenntnisfähigkeit besitzt, mit deren Hilfe es in der Zukunft verborgene Lebensmöglichkeiten sehen kann. C.G. Jung hat diese Eigenschaft des kollektiven Unbewussten als dessen vorbewusstes oder absolutes Wissen bezeichnet (nicht zu verwechseln mit dem Begriff des Vorbewussten bei Sigmund Freud). Dieses absolute Wissen setzt seinerseits ein Subjekt der Erkenntnis oder ein Bewusstsein im Unbewussten voraus, das C. G. Jung mit dem Terminus ‚Luminosität‘ bezeichnet hat.

Da diese Luminosität eine archaische und bildhafte Sprache spricht, die mit unserer diskursiv-logischen Sprache recht wenig zu tun hat, besteht unsere Aufgabe als Analytiker in der Traumdeutung darin, diese hieroglyphisch verschlüsselte Sprache des kollektiven Unbewussten möglichst objektiv, das heisst, auf die eigentliche Problematik des Analysanden bezogen, zu entschlüsseln. Bei allen tiefenpsychologischen Verfahren besteht nämlich, wie auch bei der Hypnose, die grosse und meist unterschätzte Gefahr, dass der Mächtige (Therapeut, Arzt, usw.) seine Problematik unbewusst in den Schwächeren projiziert und so diese „behandelt“ und den Klienten derart vergewaltigt.

Um dieser Gefahr zu entgehen, brauchen wir Analytiker einen „psychologischen Rosetta-Stein“. Der Rosetta-Stein ermöglichte den Archäologen die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen, da er gleichzeitig einen sinngleichen Text in hieroglyphischer, in demotischer und in griechischer Schrift und Sprache enthielt. Diesen psychologischen Rosetta-Stein stellen die sogenannten Assoziationen dar. Zu gewissen, über das Gefühl (die Wertungsfunktion) ausgewählten Stichworten des Traums wird die Träumerin gefragt, was ihr dazu einfällt. Diese Einfälle werden zum Traumtext notiert. Ich persönlich schreibe mir den Traum auf die linke Hälfte eines Blattes Papier und reserviere mir die rechte Hälfte für eben diese Assoziationen, konstruiere derart also sozusagen ebenfalls einen Rosetta-Stein.

Um Assoziationen aufnehmen zu können, muss der Analytiker sich vorerst jedoch die Eigenschaft der Demut und des Nicht-Wissen-Wollens aneignen. Auch wenn dieser glaubt, den Traumtext in seiner Muttersprache zu verstehen, muss er vorerst in eine bewusste Haltung des Nichtwissens hineinfinden. Da er für seine Therapie Geld nimmt, ist er mit grosser Wahrscheinlichkeit vorerst mit der Haltung des Liefernmüssens identisch. Diese Haltung wirkt sich jedoch auf eine objektive Traumdeutung sehr destruktiv aus. Subjektive Vorurteile und Meinungen des Analytikers werden in den Traum hineinprojiziert, da dieser glaubt, für das Geld, welches er nimmt, eine Leistung und ein Wissen seines Bewusstseins liefern zu müssen. Die Aufgabe dieser Haltung, welche regelmässig eine grosse Niederlage des Bewusstseins darstellt, ist die notwendige Voraussetzung für eine objektive und aus dem Unbewussten heraus geschöpfte Traumdeutung.

Es lohnt sich zudem, bei der Aufnahme der Assoziationen als Therapeut mitzuassoziieren. Derart grenzt der Analytiker seine Problematik von jener seines Klienten ab. Wenn meine Klientin zu ‚Auto‘ ‚Unfall‘ assoziiert, während mir ‚Lärm‘ in den Sinn kommt, ist der vermeintlich gleiche Sinngehalt von ‚Auto‘ in jenen meiner Klientin und den meinigen getrennt worden. Gleichzeitig sind unsere Probleme voneinander abgegrenzt worden. Das Unbewusste kann derart aus der Klientin selber heraussprechen, und der Traumdeuter hat die verfärbende Brille der vorschnell gewussten subjektiven Meinung abgelegt. Der Prozess der objektiven Traumdeutung kann beginnen.

Für das Assoziieren existieren bis heute zwei verschiedene Verfahren. Das erste und älteste ist die Methode der freien Assoziation nach Sigmund Freud. Darin lässt man den Klienten, von einem Trauminhalt ausgehend, eine Assoziationskette entwickeln. C.G. Jung hat mit Recht darauf hingewiesen, dass man sich mithilfe der freien Assoziation von dem im Traum konstellierten Problem entfernt. Meine Kritik an Sigmund Freuds Methode besteht darin, dass ich vermute, dass in dieser die einzelnen Assoziationen nicht gefühlsmässig gewertet werden. Jung hat hingegen bei der Untersuchung der gefühlsbetonten Komplexe mit Hilfe des sogenannten Assoziationsexperimentes eingesehen, dass die erste Assoziation zu einem Stichwort sozusagen die ‚beste Uebersetzung‘ der Traum-Hieroglyphe in die Sprache der bewussten Welt darstellt. Zudem scheint sie auch die energetisch höchste Ladung und damit die grösste Gefühlsintensität zu besitzen.

Die Erfahrung zeigt, dass diese Beobachtung C.G. Jungs vor allem für die Anfangsphase einer Analyse gilt. Hat sich der Analysand hingegen einmal an den vorerst ungewohnten Prozess des Assoziierens gewöhnt, so werden diese Assoziationen meistens ‚flach‘, und man spürt, dass keine energetische Spannung mehr darin enthalten ist. In einer solchen Situation ist es ausserordentlich wichtig, dass der Therapeut seine Gefühlsfunktion (d.h. die wertende Instanz) differenziert hat. Nur dann gelingt es ihm, aus drei, vier oder mehr Assoziationen die wertvollste auszuwählen. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass ich die intensivste Assoziation immer als eine Belebung des Solarplexus erfahre. Es sieht so aus, als ob diese energetisch potentiellste Assoziation sozusagen in der Gegend des Solarplexus ‚in meinen Bauch einfährt‘.

Eine weitere wertvolle heuristische Hypothese geht auf eine Beobachtung Marie-Louise von Franz‘ zurück. Sie hat in zahllosen Fällen gesehen, dass das eigentliche und dem Bewusstsein vielleicht verborgene Problem (Verdrängung!) sehr oft in jenem Satz enthalten ist, der den Traum einleitet. Ebenso scheint des öfteren die Lösung der Problematik im Schlusssatz verborgen. Die Assoziation zum Anfangssatz bringt somit des öfteren die unbewusste Problematik an den Tag, die Assoziation zum Schlussatz die vom Unbewussten gewünschte neue Richtung des Lebensflusses, d.h. die Lösung der Problematik.

Der Prozess der Aufnahme der persönlich bewussten Problematik, der Niederschrift des dazugehörigen kompensierenden Traumes, des Fragens nach Assoziationen und schliesslich der Deutung lässt sich am besten an einem Beispiel darstellen. Dieses Beispiel macht mir auch heute – viele Jahre nach dem Geschehnis – immer noch einen tiefen Eindruck. Nachdem ich mich vorher vergeblich in einer objektiven Deutung von Träumen versucht hatte, brach im Moment dieser einen Traumdeutung plötzlich in einem blitzartigen Erkenntnisprozess die hier beschriebene Methodik der Traumdeutung durch. Die wissende Instanz des kollektiven Unbewussten hatte in einem kurzen Moment ihr Wissen freigegeben, und mein Bewusstsein konnte dieses Wissen in eine schöpferische Erkenntnis umwandeln – das Erlebnis der Wirkung des Selbst auf das beschränkte Ich-Bewusstsein.

Der aktuelle Anlass für den Beginn einer Analyse bestand bei der betreffenden Frau in Beziehungsproblemen mit ihrem Freund. Zudem hatte sie sich im gemeinsamen Urlaub eine Virusinfektion zugezogen, und sie ahnte intuitiv, dass diese mit ihrem psychischen Zustand zusammenhängen musste. Ein Therapeut, welcher sich auf die Analyse bewusster Probleme beschränkt, hätte in diesem Fall sehr wahrscheinlich diese Beziehungsproblematik analysiert. Ich entschied mich jedoch für ein Vorgehen, in welchem ich das Unbewusste der Klientin aus sich selbst heraus sprechen lassen wollte, das heisst, ich fragte sie ziemlich bald, ob sie träume. Die Klientin antwortete mir, dass sie praktisch nie träume. Doch vor ungefähr einem Monat habe sie einen Traum gehabt, den sie mir erzählen wolle. Er lautete folgendermassen:

Traum: Assoziationen:
Ich heirate einen Russen sentimental, romantisch, ausgeflippt (!)
Die Heirat ist mitten in der Woche da gebe ich Schule
Mein Hauptproblem besteht darin, dass ich diesen Mann am Wochenende nicht sehen kann, da ich dann immer meine Freundin besuchen muss. Am Wochenende beschäftige ich mich mit SchulvorbereitungenDiese Freundin ist zuverlässig, pflichtbewusst, arbeitet viel, Sekundarlehrerin

Wenn wir die oben erwähnte heuristische Interpretationsregel beachten, werden wir im ersten Satz das eigentliche und unbewusste Problem der Träumerin suchen. Da der Traum zudem nicht etwa von einer Heirat mit ihrem Freund, sondern von jener mit einem Russen spricht, müssen wir den Traum strikt subjektstufig, d.h. auf ihren ‚inneren Russen‘ (Animus) bezogen interpretieren. Die Träumerin sollte offensichtlich ihre ausgeflippte Seite heiraten, das heisst, eine intensive Beziehung mit dieser eingehen. Da mir die Assoziation ‚ausgeflippt‘ zuwenig konkret war, fragte ich nach, was für sie den ausgeflippt sei. Die Antwort überraschte mich vollständig: ‚Ausgeflippt leben heisst für mich, am Morgen im Bett liegenzubleiben‘.

Mit dieser Assoziation sind wir somit dem eigentlichen Problem der Träumerin – und zugleich auch dessen Lösung, welche ebenfalls oft im ersten Satz versteckt erscheint – auf die Spur gekommen. Wie ich der persönlichen Befragung entnahm, war meine Klientin eine Schwerstarbeiterin. Sie zwang sich daher jeden Morgen sehr früh aufzustehen, auch wenn sie keinen Unterricht halten musste (sie arbeitete ein halbes Pensum) und präparierte sich ausgesprochen pflichtbewusst für ihre Lektionen. Ihr Freund lebte hingegen dieses Ausgeflipptsein. So kam es auch, dass dieser Aspekt des Sich-Überarbeitens den Freund des öfteren heftige attackierte – die Wurzel der Beziehungsproblematik! Sie entpuppte sich somit als die Folge eines innerpsychischen Problems der Träumerin selbst, des Problems der Verdrängung ihrer ausgeflippten, Seite, die sich der Lust hingegeben konnte.

Wenn wir zum nächsten Satz des Traumes übergehen und im Sinne einer Übersetzung der Traumhieroglyphe die Assoziation in diesen Satz einfügen, so ergibt sich: ‚Die Heirat mit der ausgeflippten Seite geschieht während des Schulunterrichts‘. Die Klientin wird sich also auch während das Unterrichts ein bisschen in den Halbschlafzustand des Morgens gehen lassen müssen, das heisst, durch weniger Vorbereitung spontaner aus dem Moment heraus reagieren lernen müssen.

Dies bestätigt der Schlussatz, in welchem ausnahmsweise eher das Problem und nicht dessen Lösung abgebildet ist. Das Hauptproblem meiner Klientin scheint darin zu bestehen, dass sie infolge zu pflichtbewusster Schulvorbereitungen auch am Wochenende ihre „Krampferei“ lebt (bzw. von ihr gelebt wird!), so dass sie auch in dieser Zeit keine Beziehung zu ihrer ausgeflippten Seite, dem Dösen im Halbschlaf, aufrecht erhalten kann.

Die Deutung des Traumes löste in meiner Analysandin das grosse Aha-Erlebnis aus, ein Zeichen dafür, dass ich die ihr unbewusst gebliebene Problematik im Kern getroffen hatte. Sie ging nach Hause und blieb im Bett liegen – und was geschah? Sie, die sich bis jetzt kaum an ihre „Produkte der Nachtschicht“ erinnern konnte, begann intensiv zu träumen. Mit der Zeit zeigte sich, dass diese Träume in ihrem Fall mit seismographischer Empfindlichkeit jede Abweichung von der ihr von innen her vorgeschriebenen Lebensweise registrierten. Dieser Initialtraum zeigte uns somit auch, wie die Klientin zu einem intensiven Kontakt mit dem Unbewussten kommen konnte, der, wie wir gleich sehen werden, ihre Kreativität ausserordentlich anregte.

Kurze Zeit später begann meine Analysandin mit der Abfassung einer Dissertation, die später mit der Note ’summa cum laude‘ (‚mit höchstem Lob‘) bewertet wurde und ihr einen Lehrauftrag an der Universität einbrachte. Sie fand in ein intensives schöpferisches Leben hinein, und die Beziehungsprobleme mit ihrem Freund verschwanden schlagartig. Die fata morgana der Beziehungsproblematik hatte sich in diesem speziellen Fall durch die Erkenntnis der eigentlichen Problematik der Klientin in nichts aufgelöst. Auch Jahre später halten sich diese Beziehungsprobleme im üblichen Rahmen. Je spontaner meine Klientin im Schulunterricht wurde, desto kleiner wurden auch die Probleme mit den Schülern. Sie wird sowohl von den Schülern des Gymnasiums, wie auch von den Studenten der Universität als ausgezeichnete Dozentin geschätzt und geliebt.

Wir können die wichtigsten Erkenntnisse bezüglich einer Traumdeutung im Sinne C. G. Jungs in folgenden vier Punkten zusammenfassen:

a) Voraussetzung einer objektiven Traumdeutung ist die Aufgabe des Überlegenheits- und Wissenswahns, die Aufgabe der Haltung des ‚Das-ist-doch-alles-klar!‘. Der Analytiker muss sich in die demütige Haltung des bewussten Nicht-Wissen-Wollens begeben. Nur dadurch kann er Projektionen subjektiver Probleme in den Traum der Klientinnen und Klienten vermeiden und das vorbewusste oder absolute Wissen des kollektiven Unbewussten in eine möglichst objektive Erkenntnis der Problematik des Klienten umformen.
b) Die Erforschung der Problematik der Klientin geschieht so weit als möglich aus ihrem Unbewussten heraus. Der Analytiker beschränkt sich auf eine Vermittlerrolle und vermeidet derart eine unnötige Übertragung. Die Analysandin oder der Analysand werden zur Unabhängigkeit geführt, so dass sich deren Persönlichkeit individuell und aus sich selbst heraus entfalten kann.
c) Da der Analytiker den Traumtext ganz bewusst als vorerst unverständliches ‚Chinesisch‘ ansieht, wird er mithilfe der Assoziationen versuchen, den von seiner Problematik unabhängigen Bedeutungsgehalt der einzelnen Traummotive zu erforschen. Indem er diese Assoziationen in den Traumtext einsetzt, übersetzt er sozusagen aus dem Chinesisch der Traumsprache in eine für Klientinnen und Klienten subjektiv wahre und von des Analytikers Vorurteilen unverfälschte Erkenntnis. Diese Erkenntnis ist zugleich objektiv, weil sie aus dem vorbewussten und absoluten Wissen des kollektiven Unbewussten stammt.
d) Sollten im Traum archetypische Motive vorkommen, so besteht eine weitere Aufgabe des Analytikers in der Amplifikation mit ähnlichen Motiven aus der Mythologie, der Verhaltensforschung (Tiermotive!), usw. Auf die Methode der Amplifikation werde ich in einem weiteren Essay eingehen.

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