Vision und vegetative Empfindung vom Propheten Muhammad

MuhammadDas Folgende ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie ein rationaler Mensch des 21. Jahrhunderts plötzlich von Visionen und vegetativen Empfindungen (sensations) überfallen werden kann, die ihn zum Mystiker stempeln. Würde er diesen Weg nicht einschlagen, müsste man mit kompensierenden Krankheitssymptomen rechnen.

XY: Sehr geehrter Herr Dr. Remo Roth,

ich habe folgende Träume, die ich nicht erklären kann, und die mir eigentlich nicht wie normale Träume vorkamen. Wenn Sie mir diese Träume erklären würden, wäre ich sehr erfreut.

Ich weiß daß das folgende kein Traum war, weil ich dabei nicht schlief. Es war aber merkwürdig. Ich wache in der Nacht auf. Ich öffne meine Augen. Und in diesem Moment fühle ich, daß ich mit der ganzen Welt verschmolzen bin. Es gibt kein Ich, sondern wir sind alle eins. Das habe ich gefühlt. In dem Moment fühle ich nur Gutes, es gab kein Kummer, keine Sorge, nur daß das tiefe Gefühl, dass alles eins ist. Diese Emotionen waren stärker als jene einer geschlechtlichen Vereinigung. Sie waren sehr stark und dauerten ein paar Minuten. Was das alles bedeuten soll, weiß ich nicht.

Im folgenden Traum sah ich den Propheten Muhammad, und wir unterhielten uns als wären wir jahrelange Freunde. Sein Kopf strahlte. Schließlich sagte er mir, ich solle den holen, den ich sehr liebe. Als er das sagte bin ich davon geflogen, um den zu finden, den ich liebe. Dabei sah ich die Dinge so als würde ich wirklich ich selbst fliegen. Es war kein Traum, sondern ich selbst flog. Danach bin ich aufgewacht, nachdem ich irgendwie mit meinen eigenen Körper und dem Körper der fliegt zusammengefunden haben (Dabei war ich derjenige der flog). Dann fühlte ich Schwere in meinem eigenen Körper und wachte auf.

Im folgenden waren wieder meine Augen offen. Ich sah rechts von mir einen stehendem Mann. Ich schaute ihm zu, er schaute mir zu. Niemand bewegte sich, er bewegte sich nicht, ich bewegte mich nicht. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen. Ich weiß nur, daß seine Zähne dauernd glänzten. Innerlich sagte ich mir, jemand soll mir helfen. Als ich das sagte, bin ich selbst nach oben geflogen. Dieses Fliegen war wieder ganz echt. Ich flog durch die Decke meines Zimmers. Als ich durch die Decke flog, fühlte ich die Decke, mich selbst sah ich im Bett. Danach bin ich wieder durch eine Schwere im eigenen Körper aufgewacht. Und es war alles wieder normal.

Ich kann mir diese Dinge nicht erklären. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie diese deuten können.

PS: Nachdem ich diese Träume gehabt hatte, habe ich mich mit Islam näher beschäftigt.

RFR: Um Ihre Erlebnisse deuten zu können, brauch ich noch einige Angaben:

1. Sind Sie ein Mann oder eine Frau?
XY: Mann

2. Sind Sie Muslim? Haben Sie eine innere Beziehung zum Propheten?
XY: Ja, bin Muslim. Ob ich eine innere Beziehung zum Propheten habe? Nein, nicht daß ich wüßte.

3. Kennen Sie die Mystik des Islam, vor allem den Sufismus?
XY: Nur von Namen her kenne ich’s, ansonsten weiß ich nichts vom Mystik oder Sufismus des Islam.

4. Welchen Beruf üben Sie aus (oder Studium)?
XY: Ich bin Informatikkaufmann, zusätzlich beschäftige mich mit Motivation, Höchstleistung, Verhaltensveränderung, Persönlichkeitsentwicklung

RFR: Im folgenden werde ich versuchen, einiges zu Ihren Träumen bzw. Erlebnissen in einem veränderten Bewusstseinszustand zu sagen, soweit ich dies kann:

Ich fragte Sie, ob Sie Erfahrungen mit der islamischen Mystik (Sufismus, vor allem von Jalaludin Rumi) besitzen, weil Ihr Erlebnis völlig dem mystischen Erlebnis der Einheit von Innen und Aussen entspricht. In der christlichen Mystik, die ich besser kenne, nennt man dies die Einheit der eigenen Innenwelt mit der anima mundi, d.h. mit der Weltseele. Diese war im Mittelalter neben dem christlichen Gott eine Göttin, aber nicht personifiziert. Sie entspricht einem Wesen, welches als „Hauch“, „Seele“, usw. den ganzen Kosmos durchdringt. Die Vereinigung mit diesem kosmischen Wesen wird des öfteren (auch in der islamischen Mystik) mit der geschlechtlichen Vereinigung verglichen – aber eben, die Erfahrung ist so intensiv, so unglaublich tief, dass erstere nur ein blasser Schimmer der mystischen Erfahrung ist. Wenn ich mich richtig erinnere, hat Jalaludin Rumi in seiner Jugend eine solche Erfahrung gemacht, und er konnte danach nichts anderes mehr tun, als in ekstatischen Gedichten und Gesängen eben dieser Erfahrung beschreiben.

Daher glaube ich, dass Ihre Erfahrung bedeutet, dass Sie ihre islamisch-mystische Vergangenheit einholt. Ich würde daher einmal abzuklären versuchen, ob Ihre Vorfahren nicht in irgend einer Weise in dieser Tradition verwurzelt waren.

Im Gegensatz zum Christentum ist der Prophet Muhammad ja kein Gott, sondern ein gewöhnlicher Mensch, wie Sie und ich, der aber eben diese mystische Gotteserfahrung gehabt hat. Der strahlende Kopf meint „Erleuchtung“ (gleiche Bedeutung hat der sog. „Halo“, der „Heiligenschein“ in der christlichen Tradition, vgl. vor allem die russischen Ikonen). So heisst diese Erfahrung, dass Sie in diesem Moment in eine ähnliche Situation gekommen sind, wie der Prophet. Was er Ihnen sagt, ist völlige sufische Mystik des Rumi. Auch er schrieb für seinen (wenn ich mich richtig erinnere: abwesenden, weil ermordeten) geliebten mystischen Freund.

Dieses Erleben der vegetativen oder der Hauchkörperwelt wird des öfteren von der Empfindung (sensation) des Fliegens, Schwebens begleitet. Im Gegensatz zu Träumen, in denen das Fliegen als Gefahr erlebt wird, ist dieses mehr oder weniger kontrollierbar ist. Manchmal wird dies als Austreten aus dem eigenen Körper (out of body experience; OBE) geschildert. In diesem Zustand kann man an andere Orte gelangen oder sogar gleichzeitig an zwei oder mehreren Orten sein. Die Rückkehr in den physischen Körper wird, wie bei Ihnen, als Rückkehr in die Schwere erlebt, weil man eben vorher schwerelos war. Des öfteren ist diese Erfahrung der Rückkehr negativ beschrieben.

Offensichtlich besteht die Hilfe für Sie (sofern Sie im Moment überhaupt eine nötig haben) eben im „Fliegen“. Was Sie hier beschreiben, ist ein echtes „subtle body“-Erlebnis. Denn nur dieser „Hauchkörper“, ein Aspekt des Körpers, den wir nur durch eine intensive Konzentration auf unsere Innenwelt (ich nenne sie auch die „Innenansicht der Körpermaterie“) erleben können, und der uns hier im Westen völlig abhanden gekommen ist, kann Mauern, Decken, usw. durchdringen. Die Unmöglichkeit der Bewegung deutet auf „Ewigkeit“ hin.

Die Zähne sind die Hilfsmittel, mit denen wir uns „im Leben durchbeissen“. Das Motiv der glänzenden (Er-leuchtung!) Zähne besagt somit, dass es für Sie essentiell wichtig werden wird, sich mit Hilfe der „Erleuchtung der mystischen Schau der Welt“ durch dieses Erdenleben durchzubeissen.

Damit bin ich auch bei Ihrem Beruf. Ich glaube diese „Träume“ bzw. veränderten Bewusstseinszustände kompensieren Ihre – bitte entschuldigen Sie – vielleicht ein bisschen zu rationale, zu sehr auf „Machen“ (Motivation), Leistung ausgerichtete bewusste Einstellung. Im positiven Sinn wollen sie Ihnen jedoch sagen, dass eben das, was Sie als Inhalt Ihres Berufes erleben oder suchen, auf die „mystische Art und Weise“ gefunden wird. Für mich eine sehr tröstliche Aussage.

Soweit meine Anmerkungen. Ich kann Ihnen noch sagen, dass ich schon einige andere Menschen über das Internet getroffen haben, welche mit einem islamischen Hintergrund in Deutschland leben, und eben diese „Rückkehr des mystischen Islam“ erleben. Es scheint, als ob in Ihnen – wie auch in den ob. erwähnten Menschen – sich eine Versöhnung der westlichen, rationalen Kultur mit der östlichen (islamischen, aber auch hinduistischen und buddhistischen) Kultur vorbereite. In der heutigen Zeit der immer grösseren Spaltung der Welt in eine „christlich-rationale“ und in eine „nichtchristlich-irrationale“ scheint mir dies ein tröstlicher Hinweis darauf zu sein, dass die Gegensätze sich doch vereinigen wollen. Aber eben: Immer nur in einzelnen Menschen, nicht in einem unbewussten Kollektiv, welches meist einem machtbesessenen Guru verfällt.

XY: Sehr geehrter Herr Roth,

erstaunlich, wieviel man aus Träumen herauslesen kann, und wie wirklichkeitsgetreu Sie diese für mich gedeutet haben. Einiges möchte ich hinzufügen:

Bevor ich die intensiven Erlebnisse hatte, war mein Lebensmotto, bis zur völliger Erschöpfung zu arbeiten und Fortschritte zu erzielen, privat wie beruflich. Dabei war ich immer unter Streß. Die gutgemeintenVorschläge einiger Kollegen, ich solle mehr schlafen, weniger arbeiten, usw. waren nicht befriedigend. Ich hatte die Erlebnisse und Träume, als ich mit Verwirrung und Erschöpfung zu Bett ging, und mir innerlich sagte: „Gott hilf mir, Gott sende von Dir ein Zeichen, daß auch mein Herz sich vollständig von Dir sicher wird. Als ich nach den geschilderten Träumen beziehungsweise Erfahrungen die Stelle im Koran las, daß der Prophet Abraham genau dasselbe (sogar mit gleicher Wortlaut) vom Gott verlangt hat, war ich wirklich sehr überrascht.

Zum Schluß bedanke ich mich für alles, und bedanke mich besonders für Ihre professionelle Deutung.

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