Meine
Klientin leidet an einer unheilbaren Krankheit. Sie kommt mit Kopfweh
und Schwindel in meine Praxis. Vor allem aber hat sie Angst -
Todesangst. Also schlage ich ihr vor, diese Angst mit Hilfe der von
mir entwickelten Symptom-Symbol-TransformationTM
oder Körperzentrierten
VisualisierungTM zu bearbeiten.
Visualisierung:
XY: Mein Kopf lastet schwer
auf dem Nacken. Der Nacken gibt mir einerseits Sicherheit, es macht
ihm nichts aus, dass der Kopf so schwer ist, andererseits spüre
ich dort viel (warme) Energie, die nicht dorhin gehört. Ich
spüre auch die Empfindung des "Kuhnagelns".
Erläuterung von
RFR: Der Körper meiner Klientin schildert einen Konflikt,
eine Gegensatzspannung, zu der psychologisch gesehen eine meist
unbewusste "Angst im Nacken" gehört. Hier kann sie diese
Angst beziehungsweise das dazugehörige Symptom zulassen und
es beschreiben.
Mit Hilfe einer imaginativen
Initialvisualisierung, die die Symptom-Symbol-TransformationTM
einleitet, versuchen wir, dieses Symptom im Bauch zu sehen und zu
erleben.
XY: Ich spüre ein
Übelkeitsgefühl im Bauch, es wird mir schwarz vor den
Augen, meine Knie zittern. Es ist ein Gefühl der Bodenlosigkeit.
Ich falle, falle, falle. Ich habe Angst, den Kopf zu verlieren und
damit auch die Kontrolle über mich selbst.
Erläuterung von
RFR: Die Todesangst hat also damit zu tun, "den Kopf zu
verlieren", das heisst offensichtlich, die Kontrolle zu verlieren
und in diese Bodenlosigkeit zu fallen.
XY: Nun spüre ich einen
intensiven Gegensatz, eine Spannung zwischen dem Kopf und Nacken
einerseits und dem Bauch andererseits. Ich habe das Bedürfnis,
die Hände über dem Kopf zu falten, um die Energie hinunter
zu drücken (sie faltet die Hände über dem Kopf).
Erläuterung von
RFR: Damit hat meine Klientin spontan und aus sich selbst
heraus das Mittel gefunden, um die Gegensatzspannung zu
lösen. Eben dieser Schritt ist ausserordentlich wichtig,
einerseits weil so ein "Ritus des Übergangs" gefunden wird,
andererseits weil die Klientin mit Hilfe dieses Hörens auf
die "Innenansicht des Körpers" einen Weg gefunden hat, Ihre
Angstproblematik aus sich selbst heraus und unabhängig vom
Einfluss eines Therapeuten anzupacken. Sie ist also nicht mehr auf
oft gut gemeinte, des öfteren aber destruktiv wirkende
Ratschläge eines professionellen Helfers oder "Heilers"
angewiesen, sondern sie ist daran, diesen in sich selbst zu
entdecken! Schon Paracelsus kannte und unterstützte diesen
inneren Arzt in seinen Patienten, den er Archaeus nannte
und in der Magengegend (Solarplexus; manipura-Chakra
des
Tantrismus) vermutete.
XY (nach einer Weile): Ich
spüre, wie die Energie vom Kopf in den Bauch und in die Beine
fliesst. Es sind zwei "Energiebänder", die sich seltsamerweise
ungefähr zwei Fingerbreit über dem Bauchnabel kreuzen und
so einen Knoten bilden.
Erläuterung von
RFR: Das erinnert sofort an die Chakras des Tantrismus, die
ebenfalls als solche Knoten dargestellt werden, in denen sich die
zwei Energieströme ida und pingala
überkreuzen (vgl. dazuAnordnung
der Chakras im Körper
bzw.
Bilder
aus dem Bauch: Tantrismus und archetypische
Psychosomatik).
Der Unterschied zum Tantrismus besteht aber darin, dass wir hier
ohne irgendwelche theoretische Vorstellungen von einem Symptom
ausgehen und die individuelle Symbolik sich entwickeln lassen, so
dass das Ganze eine tief emotionale Erfahrung wird (s.u.) und
nicht einfach eine intellektuelle Einsicht bleibt. Zu diesem
wichtigen Unterschied s. Neo-Tantrismus
und Visualisierung - Nachahmung des östlichen oder kreativer
Neubeginn auf dem westlichen Weg?
XY: Plötzlich (und ohne
mein Dazutun) verändert sich nun das Ganze: Ich spüre und
sehe nun im Bauch einen breitflächigen Wasserfall, dessen Wasser
über einen Felsen hinunter fliesst. Nun bekomme ich grosse
Angst, dass mein Kopf tatsächlich völlig verschwindet. Dies
ist mir unheimlich....! Doch plötzlich sehe ich, dass sich auf
diese Art und Weise neue Welten auftun. Ich spüre mich nun auf
den Unterbauch zentriert, ich bin sozusagen in meinem Unterbauch,
mein Bewusstsein ist dort unten.....!!! Ein Gefühl und eine
Körperempfindung, die ich noch nie gehabt habe....!
Sensationell!
Erläuterung von
RFR: Mit dieser Entwicklung war ein wichtiges Zwischenziel
erreicht. Dieses Gefühl, diese Körperempfindung, dass
das Bewusstsein nicht mehr im Kopf lokalisiert ist ("mein Kopf
völlig verschwindet"), sondern im so genannten
svadhisthana-Chakra
(s. a. Die
Chakras des Tantrismus)
im Unterbauch, bewirkte den Anfang vom Ende der Todesangst (s.u.).
Wenn einmal diese Phase
erreicht ist, ist es relativ leicht, die weitere Entwicklung zu
beobachten. Dabei ist es ganz wichtig, dass das Bewusstsein nicht
eingreift, sondern einfach zuschaut.
XY: Der Wasserfall entwickelt
sich weiter. Seine Bewegung wandelt sich nun in eine
sternförmige. Er wird nun zu einem Wasserfall, dessen Wasser
sich von einem Zentrum im Unterbauch aus nach allen Seiten nach unten
bewegt.
XY (nach einer Weile des
Schweigens, in der man aber von aussen sieht, dass das Geschehen sie
tief bewegt): Nun kommt eine erneute Wandlung: Das Wasser bildet nun
eine Herz-Form, ähnlich wie die Formen für die
"Weihnachtsguetzli". Ich sehe diese Form, ungefähr 10 cm breit
und einige cm hoch. Dann verschiebt sich diese plötzlich und
völlig überraschend noch weiter nach unten.
XY: Und nun spüre ich
ein wohliges, äusserst angenehmes Gefühl. Ich
fühle mich aufgehoben in etwas Grösserem, sicher und
zentriert, und ich habe das Gefühl, dass mir in diesem Zustand
überhaupt nichts Negatives passieren kann.
Erläuterung von
RFR: Die Todesangst, die Angst, in das Bodenlose zu fallen, hat
sich in das Gefühl des Aufgehobenseins im "inneren Zentrum"
im Bauch transformiert. Und zwar ohne dass wir die Herkunft der
Angst "analysiert" (= "zerlegt") hätten, sondern indem wir
ihr einfach die Gelegenheit boten, sich synthetisch in etwas
Positives, Zukunftsgerichtetes zu wandeln. Es taucht das Herz auf,
das Symbol des Eros im weitesten Sinn. Meine Klientin hat zum
ersten Mal erlebt, was es heisst, aus der Welt des Logos
auszusteigen und in jene des introvertierten Eros (Beziehung zur
"Innenansicht"
des eigenen Körpers)
hinein zu finden (zu den beiden Begriffen Logos und Eros s.
Paracelsus
und das erneuerte Gottesbild).
Im
Mittelalter kannte man die Gestalt des Akephalos, des
Kopflosen. Er wird auch "Bauchgesicht" genannt. Ihm wird
nachgesagt, dass er eine besondere Beziehung zum Jenseits besitze.
Eben dieses "Jenseits", das der von mir postulierten
"Innenansicht" des Körpers entspricht (physischer Aspekt des
kollektiven Unbewussten C.G. Jungs) erleben wir im Bauch. Die
therapeutische Erfahrung zeigt, dass mit dessen Hilfe neue
Energien freigesetzt werden können und dass diese wie ein
"Lebenselixier", das heisst, im Fall von Krankheit aufbauend,
ordnend (negentropisch) und heilend wirken.
Auch meine Klientin bekam
neue Energien, um Neues anzupacken. Die Angst hatte sich also
sozusagen als der Motor für ein zukünftiges sinnvolles
Leben erwiesen. Die mittelalterlichen Alchemisten drückten
das mit folgendem lateinischen Spruch aus: In stercore
invenitur (im Dreck wird es gefunden). Die hier angewandte,
von mir so genannte Symptom-Symbol-TransformationTM
betrachte ich daher als eine moderne Form der "inneren Alchemie"
des Paracelsus (s. dazu das 5. Kapitel von Hat
AIDS einen Sinn?).